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30.07.2018

Zusammen zum Ziel - Videopraktikum der Fakultät

Teil des Studiums an der Fakultät Informatik sind diverse interne und externe Praktika. Was da auf die Studierenden zukommt und wie es ist, hat Celina Schreiner aufgeschrieben. Sie studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft und berichtet über ihre Erfahrungen aus dem Videopraktikum.

Das Filmteam von "Das perfekte Ei"

Von: Celina Schreiner

In einem abgelegenen Gebäude an der Hochschule Reutlingen hausen die Informatiker. Sie kämpfen sich durch die täglichen Stereotypen von ‘Dungeons and Dragons’, dunklen Kellern und antisozialen Einstellungen. Sie gelten als die Dompteure von Nullen und Einsen, die sich durch eine strikte, logische und fast schon schwarz-weiße Arbeitsweise auszeichnen. Doch dies täuscht.

Der Studiengang Medien- und Kommunikationsinformatik setzt sich nicht nur mit dem reinen Programmieren auseinander, sondern umfasst vielmehr auch die kreative Welt der Medien und Kommunikation. Die Seminare der Fotographie, Graphik und Audiotechnik leiten den Einstieg in diese kreative Welt ein. Mit den bereits erlernten Kenntnissen aus Fotographie und Audiotechnik, geht es in das Seminar Video. Hier werden die Inhalte weiter vertieft. Das Seminar setzt sich wiederum aus einer Vorlesung und einem Praktikum zusammen. In beiden Teilen werden die zuvor erlernten Techniken vertieft und erweitert. Der Kreativität wird freien Lauf gelassen.

Im Praktikum teilten wir uns innerhalb unserer zugeteilten Gruppe die verschiedenen Jobs einer Filmproduktion zu, um diese besser kennenzulernen. Das Ziel der Gruppenarbeit ist es, gemeinsam ein kurzes Video zu produzieren. Bereits in Fotographie und Audiotechnik konnten wir uns mit bestimmten Aspekten eines Drehs vertraut machen. Beispielsweise die korrekte Zusammenstellung eines Bildes oder die effektive Nutzung von Ton, um eine erwünschte Atmosphäre zu erschaffen. Mit den gesammelten Erfahrungen konnten wir innerhalb der Gruppe die Rollen bestmöglich besetzen. Unsere Crew (das coole englische Wort für alle Mitarbeiter an einem Filmset) besteht aus der Autorin Besmira S., dem Kameramann Jonathan S., Tontechniker Daniel M., der Schnittmeisterin Evelyn K. und mir, der Regisseurin.

 

Was ist Perfektionismus?

Die Einteilung der Arbeitsbereiche ist noch eine der leichtesten Übungen des Praktikums, das Suchen und Entwickeln einer Idee erhöht den Schwierigkeitsgrad. Es fängt alles mit einer Idee an. Oder dem Fehlen einer solchen. Das Thema des Sommersemesters ist Perfektionismus. Zwar setzt sich jeder je nach Persönlichkeit mehr oder weniger mit dem Thema Perfektion auseinander, trotzdem hat jeder eigene Vorstellungen zu dem, was für ihn perfekt ist.

Im Duden wird Perfekt als “frei von Mängeln, vollkommen” beschrieben. Klingt so simpel und ist doch so kompliziert. Was heißt frei von Mängeln? Was gilt als Mangel? Was macht etwas vollkommen? All diese Fragen haben wir uns innerhalb der Gruppe gestellt und versucht eine Einigung zu finden, die uns allerdings nicht gelang. Jedes Mitglied hat seine eigenen Vorstellungen, wie das Thema Perfektionismus in dem Film perfekt dargestellt werden kann. Eine weitere Herausforderung war es herauszufinden, welches Publikum wir mit dem Film ansprechen wollten. Somit mussten zweierlei Ansichten zusammenfinden. Zum einen perfekt so zu definieren, dass dennoch ein Interpretationsspielraum für alle Beteiligten blieb und zum anderen, dass Perfektion viel mehr ist als die Reduzierung auf eine einzige Definition.

Auf der Suche nach unseren individuellen Definitionen von Perfektionismus entstand die Idee, die Ausprägung des Perfektionismus in Form eines Zwanges zu präsentieren. Wir stellten uns die Aufgabe, Perfektion in einem Extrem darzustellen, ohne die Persona hierfür zu verurteilen. In unserem Film prüft die Darstellerin nach und nach Eier. Sie führt die Eier durch eine langwierige Versuchsreihe und untersucht jedes Ei, um am Ende das perfekte Ei in die Bratpfanne zu hauen.

Als Regisseurin lag die erste Herausforderung darin, alle Ideen des Teams zusammenzubringen. Nach und nach formte sich eine Geschichte, die die verschiedenen Ansätze miteinander vereinte. Jedes Crewmitglied war begeistert und überzeugt, dass der Zuschauer gleichzeitig überrascht und erfreut sein wird. Das Publikum soll die Möglichkeit haben sich in etwas wieder zu erkennen, ohne dabei urteilen zu müssen, ob es nun korrekt ist oder nicht.

Nur, wie wird diese Idee dem Zuschauer nahegebracht, sodass er oder sie diese auch versteht? Unsere Autorin verfasste unsere Vision in Worte. Die Vision wurde ausgeschmückt und mit einem eigenen Charakter versehen. Das Drehbuch ist entstanden. Dieses gilt als Leitfaden für alle Mitglieder beim Dreh, da genau festgehalten ist, wie die Geschichte verlaufen und wer wann was machen soll. Um den Worten der Autorin Ausdruck zu verleihen, setzten sich der Kameramann und ich zusammen und hielten den Text in Bildern fest. Diese Abfolge an Bildern ist vergleichbar mit einem Comic. In der Fachsprache ist es auch bekannt als Storyboard. Hier kommt die Magie des Films, die in der Verwandlung von Wörtern zu Bildern, welche bewegende Bilder werden, die den Zuschauer mitreisen, begeistern und zu Tränen rühren, zum Ausdruck. Mit unserem fertigen Storyboard ging es an die Dreharbeiten.

 

Der Dreh

Für den Dreh braucht jedes Mitglied der Crew Nerven aus Stahl. Während überall Kabel rumliegen, großes Chaos herrscht, Szenen mehrmals wiederholt werden müssen, versucht jeder seiner Arbeit nachzukommen und das Auge fürs Detail nicht zu verlieren. Das eigene Ego muss während alle zusammen an der gemeinsamen Vision arbeiten, hintenanstehen. Hier zahlt sich wahre Teamarbeit aus. Zudem zeigt es sich, dass ein hohes Maß an Eigenverantwortung wichtig ist. Nur wenn jeder seine Rolle erfüllt, kann der Film gedreht werden. Trotz der notwendigen Konzentration konnte unsere Gruppe den nötigen Pep reinbringen. Nach dem hundertsten “Ton” - “Kamera” - “Bitte”, von meiner Seite, waren die Antworten in witzigen Sprüchen verpackt: “Ton” - hört, “Kamera” - sieht, “Ton” - positiv, “Kamera”- nicht negativ. Selbst nach einem acht Stunden Drehtag, waren noch alle Köpfe dran und wir konnten miteinander lachen.

 

Die Vision wird wahr

Es könnte schon das Ende sein, aber dann würde keiner den Film verstehen oder sehen wollen. Entgegen aller Erwartungen, werden Filme nicht Szene für Szene so gedreht wie das Endprodukt es vermuten lässt. Stattdessen wird jede Szene mit verschiedenen Einstellungen und Perspektiven mehrmals gedreht. Meist müssen nur Details geändert werden, die das Bild jedoch schlussendlich deutlich verbessern. Es gilt die Perfektion im Bild. Im Schnitt wird aus dem kompletten Filmmaterial das Beste herausgefiltert, um es anschließend wieder zusammenzusetzen. Mit Hilfe des Storyboards und des Drehbuchs kann die Schnittmeisterin erkennen, welche Szene zu der nächsten führt und ermitteln, welche Bilder gut zusammenspielen. Dies geschieht bei einem guten Schnitt ohne, dass der Zuschauer den Wechsel zum nächsten Bild beim Anschauen bemerkt, da es organisch ineinander fließt. Es wird nicht wahrgenommen, dass in dieser Sequenz stundenlange Arbeit steckt. Jede Bewegung wird genau analysiert, damit der Zuschauer in den Bann des Films gezogen wird. Sie oder er kann mitfühlen was auf der Leinwand oder dem Bildschirm passiert. Im Schnittraum verschmelzen alle Komponenten ineinander. Wort, Ton und Bild werden Eins und bilden ein perfektes Endprodukt.

Derweil hat der Regisseur seine Finger überall im Spiel gehabt. Die Hauptaufgabe ist es die Vision von Anfang bis Ende vollständig zu visualisieren und alle Beteiligten zu motivieren. Die Schwierigkeit liegt darin, trotz dem Stress die Idee nicht aus den Augen zu verlieren. Zudem können negative Gefühle erzeugt und Anweisungen als Kommandos wahrgenommen werden. Der Regisseur hat eine Idee des Films im Kopf und versucht diese in die Realität um zusetzten. Dabei muss er/sie versuchen in Worte zu fassen, was sich in seinem/ihrem Kopf abspielt und zudem den Input der Anderen berücksichtigen, um die Idee voran zu treiben und zu erweitern. Jedes Mitglied der Crew spielt währenddessen eine entscheidende Rolle.

Mit einem Auge fürs Detail und dem stetigen Blick auf die Endvision haben wir einen ‘perfekten’ Film erzeugt.

 

Schlusswort

Ein Filmdreh unterscheidet sich nicht viel von dem Erstellen eines Quellcodes. Daher ist Video auch ein sehr wichtiger Teil des Medien- und Kommunikationsinformatik Studiums. Es geht darum, eine Struktur in die Idee zu bekommen und nicht wie wild drauf los zu legen. Im ersten Schritt geht es um die Überlegung, welches Publikum der Film ansprechen soll bzw. welche Zielgruppe das Programm später nutzen soll. Anschliessend geht es tiefer in das Thema rein. Was erwartet der Zuschauer von dem Film? Wie sehen die Benutzeranforderungen von dem Programm aus? Hierbei formt sich nach und nach ein Gerüst, an dem sich während der Produktion die ganzen Mitglieder orientieren können.

Immer wieder kann ein Schritt zurück gegangen werden und Verbesserungen vorgenommen werden. Aber das Gerüst bleibt gleich. Dieses Schema lässt sich in der Informatik wiederfinden. Im Video Seminar ist klar geworden, wie wichtig es ist, dass sich jeder in einer Gruppe seiner eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein sollte. Es hat sich auch gezeigt, wie schnell andere diese Stärken und Schwächen erkennen und auffangen können. Eine Schwäche macht einen nicht gleich zu einem schwachen Mitglied des Teams. Es erlaubt eher die Entfaltungen der anderen Mitglieder in Rollen, die sie sich vorher vielleicht nicht hätten vorstellen können.

Gesehen wird am Ende nur das Produkt, worin sich allerdings eine hervorragende Zusammenarbeit widerspiegelt. Wir haben unsere selbst definierte Perfektion erreicht. Dieser kreative Teil unseres Studiengangs erlaubt einem Studenten sich noch besser kennenzulernen. Er erweitert die Fähigkeiten, meist ohne, dass es einem selbst sofort bewusst wird. Ich bin dankbar dafür, denn nur so lässt sich eigene Perfektion erreichen. Durch die Erweiterung der eigenen Fähigkeiten, die Erkenntnis seiner selbst und dem Wissen, dass nicht alles perfekt sein muss.

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Video "Das perfekte Ei"